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Offener Protestbrief: Stoppt den Verfall – Hochschulen brauchen Räume, keine Privatisierung!

Sehr geehrte Frau Senatorin Dr. Czyborra,

die Wissenschaft in Berlin steckt in einem unerträglichen Widerspruch: Während Ihr Senat Anfang Juni 2026 eine ambitionierte forschungspolitische Strategie mit der Vision beschlossen hat, „dass Berlin zur ersten Adresse für Forschende in Europa wird“, ist die Realität an unseren Hochschulen von baulichem Verfall, akuter Raumnot und systematischer Unterfinanzierung geprägt. Der von Ihnen selbst formulierte Anspruch, „Spitzenforschung unter optimalen Bedingungen“ zu ermöglichen, wird täglich an den maroden Mauern der Technischen Universität Berlin und aller anderen Hochschulen unseres Landes widerlegt.

Wir, die Erstunterzeichnenden – engagierte Wissenschaftler_innen der FU, HU und TU – wenden uns heute mit einem dringenden Protest an Sie. Die jüngsten Ereignisse an der Technischen Universität Berlin sind kein lokales Ärgernis mehr, sondern ein Weckruf mit Signalwirkung für den gesamten Wissenschaftsstandort Berlin.

Der bauliche Notstand: Vom Hauptgebäude zur gesperrten Bibliothek

Seit Wochen gleicht der Campus der TU Berlin einem Flickenteppich aus Sperrungen, Bauzäunen und gesperrten Zugängen. Das Hauptgebäude der TU Berlin ist seit einigen Wochen gesperrt. 350 Lehrveranstaltungen pro Woche mussten verlegt werden oder ausfallen. Letzte Woche folgte die Universitätsbibliothek – ein zentraler Ort des Lernens und Arbeitens – sie wurde baupolizeilich geschlossen. Diese Woche traf es das traditionsreiche Bergbau- und Hüttengebäude. Das Telefunkenhochhaus steht seit Jahren leer, Teile des Mathematik-Gebäudekomplexes sind nicht nutzbar. Im Physikgebäude können die Steckdosen nicht genutzt werden, und in einem Gebäude stürzte 2024 eine Zwischendecke in einem Seminarraum ein – dreißig Minuten nach Ende eines Seminars. Nur durch Glück wurde niemand verletzt. In der HU Berlin ist der Ostflügel samt Audimax und der Gebäudekomplex der Invalidenstraße 110 seit Jahren gesperrt. Auf dem HU-Campus Nord musste unlängst ein historisches Gebäude der Biologie wegen Baufälligkeit geschlossen werden. An der FU sind etwa zwei Drittel der Gebäude dringend sanierungsbedürftig. Das entspricht ca. 130 Objekten. Der bauliche Notstand bezieht sich also nicht auf Einzelfälle. Er ist das Symptom eines systemischen Versagens bzgl. der fehlenden Investitionen im Hochschulbau der Berliner Landesregierungen.

Die Bausubstanz an allen elf staatlichen Hochschulen Berlins ist marode. Schuld tragen nicht die Bauverwaltungen der Hochschulen, die seit Jahren auch unter den Kürzungen des Senates leiden. Eine aktuelle Erhebung im Rahmen der Hochschulstandortentwicklungsplanung (HSEP) durch das HIS-Institut hat einen dramatischen Befund ergeben: Der Sanierungsbedarf für die Berliner Hochschulen beläuft sich auf über 8 Milliarden Euro. Allein für die Gebäude der TU Berlin wird ein Sanierungsstau von 3,2 Milliarden Euro ausgewiesen. Durch die wiederholte Verweigerung der erforderlichen Landes-Eigenanteile blockiert der Senat seit Jahren den Abruf von Bundesmitteln nach Artikel 91b des Grundgesetzes. Damit entzieht sich das Land seiner verfassungsgemäßen Verantwortung für den Hochschulbau und verhindert aktiv die dringend notwendige Modernisierung der universitären Infrastruktur.

Das sind keine abstrakten Zahlen. Sie bedeuten, dass Hörsäle geschlossen bleiben, Labore nicht modernisiert werden können, Bibliotheken als Brandlasten gelten und Arbeitsplätze in menschenunwürdigen Umgebungen fortgeführt werden. Jeden Tag werden in diesen maroden Gebäuden Lehre und Forschung aufs Spiel gesetzt. Die Arbeitsbedingungen sind unvereinbar mit dem Anspruch exzellenter Wissenschaft.

Wie soll Berlin zur „ersten Adresse für Forschende in Europa“ werden, wenn die bestehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter „widerlichen Bedingungen“ arbeiten müssen? Wie sollen internationale Spitzenkräfte nach Berlin kommen, wenn sie befürchten müssen, dass ihnen in der Vorlesung die Decke auf den Kopf fällt? Wie soll Verlässlichkeit entstehen, wenn die Finanzierung durch einseitige Kündigungen der Hochschulverträge und massive Kürzungen in mehrfacher Millionenhöhe untergraben wird?

Die falsche Antwort: Privatisierung statt Sanierung

Und was ist die Antwort des Senats auf diesen Jahrhundertstau der Finanzierung von Bildung und Forschung? Nicht etwa ein massives Sanierungsprogramm, sondern der Plan einer Berliner Hochschulbaugesellschaft (BHG) zur Privatisierung der Gebäude und Flächen. Diese Gesellschaft soll alle Hochschulgebäude übernehmen – die Berliner Universitäten sollen ihre Liegenschaften an diese neue Anstalt überschreiben und anschließend zurückmieten.

Dieses Modell ist aus mehreren Gründen zutiefst problematisch:

Verlust der Hochschulautonomie: Die geplante BHG greift massiv in die verfassungsrechtlich geschützte Freiheit von Forschung und Lehre ein. Sie entzieht den Hochschulen die Verfügungsgewalt über ihre Gebäude. Den Hochschulen wird die Möglichkeit der freien Gestaltung ihrer Liegenschaften genommen, wie bereits Hochschulgremien und Personalräte warnen.

Finanzielles Fiasko: Anders als beim österreichischen Vorbild fließt kein zusätzliches Geld in das System. Im Gegenteil: Die Hochschulen müssen zusätzlich zu den massiven Kürzungen in den Hochschulverträgen – die Senatsverwaltung hat den Vertrag einseitig gekündigt – nun auch noch steigende Mieten für die Gebäude bezahlen. ÖPP-Projekte führen nachweislich zu Mehrkosten von bis zu 30 Prozent. Das ist bei einer Haushaltslage, in der die Hochschulen bereits jetzt einen ausgeglichenen Haushalt nicht mehr darstellen kann, schlichtweg unverantwortlich.

Bürokratische Blockade: Die BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH existiert bereits seit über 20 Jahren und verwaltet professionell die Landesimmobilien. Eine neue Doppelstruktur ist überflüssig und teuer. Stattdessen bräuchte es eine Entbürokratisierung des Bauwesens und die Übertragung der Bauherrenfunktion an die Hochschulen selbst – so wie es der Wissenschaftsrat 2022 in einem Positionspapier vorgeschlagen hat.

Gefährdung von Beschäftigten und Sicherheit: Die Gebäudebewirtschaftung auf kurzem Wege ist ein wesentlicher Aspekt des Arbeitsschutzes. Bei Auslagerung drohen Verzögerungen bei dringenden Reparaturen – mit unmittelbaren Risiken für die Sicherheit von Tausenden Hochschulangehörigen.

Wir fordern: Investieren, nicht privatisieren!

Statt die Lösung des Sanierungsstaus durch eine intransparente Auslagerungsgesellschaft zu versuchen, braucht es einen radikalen Kurswechsel:

(1) Sofortprogramm für die maroden Gebäude: Der Senat muss zusammen mit dem Bund ein Sonderinvestitionsprogramm in Höhe von mindestens 8 Milliarden Euro auflegen, um die Hochschulen zukunftsfähig zu machen. Der von der Wissenschaftssenatorin vorgelegte, gekürzte Hochschulvertrag ist das Gegenteil davon.

(2) Stopp der Hochschulbaugesellschaft: Die Pläne zur Gründung einer BHG sind in der vorliegenden Form abzulehnen. Hochschulen müssen ihre Gebäude selbst verwalten und bewirtschaften können.

(3) Rücknahme der Kürzungen: Die einseitige Kündigung der Hochschulverträge durch die Senatsverwaltung ist ein unzulässiger Eingriff in die Hochschulautonomie. Wir fordern die sofortige Rücknahme der Kürzungen und die Wiederherstellung verlässlicher Finanzierungsstrukturen.

(4) Transparenz und Beteiligung: Die Betroffenen – Beschäftigte, Studierende und die Hochschulgremien – müssen bei allen weiteren Planungen umfassend beteiligt werden.

Der Zeitpunkt zu handeln ist jetzt

Frau Senatorin, Sie sind Wissenschaftshistorikerin. Sie wissen um die Bedeutung von Institutionen, die über Jahrhunderte gewachsen sind. Lassen Sie nicht zu, dass aus dieser stolzen Tradition in Ihrer Amtszeit ein Sanierungsfall wird. Die 800 Studierenden und Beschäftigten, die am 18. Mai 2026 vor dem Abgeordnetenhaus gegen die BHG protestierten, haben es auf die Straße getragen: "Bildung braucht Räume!"

Wir brauchen keine neuen Gesellschaften, keine Privatisierung öffentlicher Güter und keine intransparenten Mietmodelle. Wir brauchen endlich eine ehrliche Antwort auf den Sanierungsstau. Bauen Sie mit uns, statt gegen uns!

Mit protestierenden Grüßen,


Erstunterzeichner*Innen

Dr. Jana Lüdtke (FU Berlin)

Dr. Peter Witte (FU Berlin)

Dr. Constanze Baum (HU Berlin)

PD Dr. Henning Füller (HU Berlin)

Dr.-Ing. Thies Johannsen (TU Berlin)

Willi Pröbrock (TU Berlin)

Dr.-Ing. Wulf-Holger Arndt (TU Berlin)


Liste der Unterzeichnenden
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Hinweis zum Datenschutz

Verantwortlich: die Erstunterzeichner:innen dieses offenen Briefs, vertreten durch 

Jana Lüdtke, (jana.luedtke@fu-berlin.de) und Wulf-Holger Arndt (wulf-holger.arndt@tu-berlin.de).

Wir verarbeiten Name, Affiliation und – falls angegeben – E-Mail-Adresse, um Ihre Unterstützung zu dokumentieren. Rechtsgrundlage ist Ihre Einwilligung (Art. 6 Abs. 1 lit. a DSGVO). Name und Affiliation erscheinen öffentlich auf der Unterzeichnerliste; Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht.

Eingesetzt werden Tally (EU) zur Erhebung und Google Sheets (Google, USA; Transfer auf Basis des EU-U.S. Data Privacy Framework) zur Darstellung der Liste – öffentlich sichtbar sind nur Name und Affiliation. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit per E-Mail widerrufen und die Löschung verlangen.